Das letzte Abendmahl – vieldeutig?

Restauratoren verfälschten das Meisterwerk

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Das Letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci – ein einziger Moment?

Die letzte Restaurierung dauerte 20 Jahre. Neben der Mona Lisa das berühmteste Zeugnis abendländischer Malerei zeigt jetzt wieder weitestgehend den Originalzustand. Leonardo da Vinci stellte das Letzte Abendmahl im Jahr 1497 fertig. Der Verfall begann unmittelbar danach. Ursache: Die Arbeitsweise da Vincis.

Da Vinci lebte damals bereits über 12 Jahre in Mailand. Der Mailänder Herzog Ludivico Sforza hatte den Universalkünstler an seinen Hof geholt. Leonardo begann mit einem Griffel sein Werk auf der Wand zu skizzieren. Doch dann entschied er sich für eine Technik, die auf der Mauer nicht lange Bestand haben sollte.

Über die Jahrhunderte hinterließen insgesamt sechs Restauratoren ihre Spuren auf dem Meisterwerk. Nicht jedem der Restauratoren ging es dabei um die Originalversion da Vincis. Manche hatten ihre eigenen Vorstellungen. „Der Zustand war unglaublich!“, sagt Pinin Brambilla, die Leiterin der letzten Restauration.

Charakter und Ausdruck der Jünger verfälscht

Für einen Moment fragte sie sich sogar, ob das Gemälde ein echter Leonardo war. „Jeder der Restauratoren änderte die Physiognomie, den Charakter und den Ausdruck der Jünger“. Das Gesicht Jesus hatte an Schönheit eingebüßt. Kein Wunder, dass die Restauration 20 Jahre in Anspruch nahm.

„Jeder Tag war ein fantastischer, aber langsamer Kampf an einem winzigen Teil des großen Wandgemäldes“, erinnert sich die berühmte Restauratorin. Ein trauriger Tag für sie, als die Arbeit 1999 beendet war. Sie hatte es als großes Privileg empfunden, am Werk dieses einzigartigen Genies zu arbeiten. „Die Distanz zum Gemälde da Vincis war schwer zu ertragen. Ein Teil von mir ging verloren“, bedauert Brambilla. Bei ihrer Arbeit hatte sie Musik gefühlt. Musik, die Leonardo in das Gemälde gelegt hat.

Nicht jeder Betrachter des Letzten Abendmahls wird ihre intensive Verbindung zum Gemälde nachempfinden. Doch das epochale Bild da Vincis zieht Mailänder und Kunst beflissene Touristen gleichermaßen an. Eine Attraktion, die kaum ein Besucher in Mailand auslässt.

Pinin Brambilla, die berühmte italienische Restauratorin, erläutert im BBC-Video wie sie das berühmte Masterpiece in 20 jähriger Arbeit wieder hergestellt hat.

Unstete Arbeitsweise da Vincis

Zur Zeit da Vincis war bereits eine wirkungsvolle Art bekannt, eine Wand als Untergrund für ein Gemälde zu benutzen. Man nannte diese Technik „al fresco“. Die Freskenmalerei verlangt aber vom Künstler ein rasches Arbeiten. Änderungen sind später nicht mehr möglich. Dabei muss die Wand feucht gehalten werden. Die Farben verbinden sich dann dauerhaft mit dem Putz. Nicht zu vermeiden gewesen wären dabei verschiedene Nähte auf der Wand: Leonardos angestrebte Einheit des Gemäldes wäre nicht zu realisieren gewesen.

Der Meister entschied sich aus diesen Gründen für eine Tempera-Methode. Der Kunsthistoriker Carlo Bertelli vermutet, die Arbeitsweise sei für Leonardo passender gewesen: „…einmal wegen seinem Zwang zur Perfektion, dem Anspruch, ständig eingreifen und verbessern zu können, und zum anderen wegen seiner unsteten Arbeitsweise“.

Leonardos Rache am ungeduldigen Prior

Ein Zeitgenosse da Vincis beobachtete den Arbeitseifer da Vincis: „Er pflegte vom Sonnenaufgang bis zur Abenddämmerung den Pinsel in der Hand zu behalten, er vergaß Essen und Trinken und malte in einem fort. Dann blieb er zwei, drei, vier Tage, ohne Hand anzulegen, fort. Danach verweilte er manchmal zwei oder drei Stunden am Tag dort, nur um zu betrachten und zu überlegen und um die Figuren kritisch zu überprüfen.“

Santa Maria delle Grazie Kloster Mailand

Santa Maria delle Grazie um 1745

Das Gemälde entstand im Dominikaner Kloster Santa Maria delle Grazie. Der Auftrag: Die weiß verputzte Mauer im Speisesaal mit dem „letzten Abendmahl“ zu verschönern – eine Fläche von 38 Quadratmetern. Die Arbeitsweise Leonardos scheint dem Prior des Klosters lästig geworden sein. Er verlor offenbar die Geduld mit dem zögerlichen Fortschreiten des Werks und trieb da Vinci zur Eile an. Als da Vinci kein Vorbild für den Kopf des Judas fand, obwohl er rastlos durch Mailand irrte, nahm er wohl Rache an dem nervigen Prior und zeichnete angeblich dessen Gesichtszüge auf den Kopf des Verräters Judas.

Bereits da Vinci entdeckte mit Schrecken, wie sich haarfeine Risse in der Wand bildeten. Zwei Jahrzehnte nach Vollendung zog sich bereits ein weißlicher Schleier über das Gemälde. Die Farben lösten sich zu Schuppen auf.

Pferdestall für Napoleons Truppen

Die erste Aufarbeitung des Gemäldes begann der Maler Michelangelo Bellotti 1726. Er versuchte getrockneten Schimmel und Schleier zu entfernen. Doch die Säuberung hatte nur mäßigen Erfolg. Weitere Restaurierungen im Laufe des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts veränderten das Letzte Abendmahl Leonardos immer weiter.

Nicht nur Feuchtigkeit und Schimmel setzten dem Meisterwerk im Laufe der Zeit zu. Napoleons Besatzungstruppen nutzten den Speisesaal als Unterkunft, Pferdestall und Futterdepot. Etwa 150 Jahre später, 1943, schlug eine Bombe in das Kloster ein. Der Speisesaal wurde getroffen, eine Wand stürzte ein. Die Wand mit dem Letzten Abendmahl aber blieb unversehrt, vorsorglich von den Mönchen mit Sandsäcken gestützt .

Psychologische Studie im Mittelpunkt

Leonardo kam es auf den Augenblick an, in dem Jesus seinen Jüngern vorhersagt, dass ihn einer von ihnen verraten werde. Jeder der Jünger reagiert auf eigene Weise auf die Ankündigung Jesu: „Einer von euch wird mich verraten“. Dabei folgte Leonardo seinem Grundsatz, dass ein Maler den Geist eines Menschen nicht allein durch den Gesichtsausdruck, sondern auch durch dessen Haltung und Bewegung ausdrücken müsse.

Nach der vorherrschenden Meinung hat da Vinci biblische Geschichte für eine psychologische Studie genutzt. Das Sakrament des Abendmahls spielt in dem Gemälde keine zentrale Rolle mehr. „Dieses Verständnis passte gut in eine durch die Aufklärung säkularisierte Welt“, schreibt Boris Hohmeyer im Kunstmagazin art. Leonardo ging es vor allem um seine eigenen Erkenntnisse.

Wirklichkeitstreue überschätzt?

Die hatte er durch aufwendige Studien in den Straßen Mailands erlangt. Tagelang suchte er – teilweise in verrufenen Stadtvierteln – nach Charakterköpfen. Das klingt nach einer sehr realistischen Vorgehensweise. Doch laut einer Studie des amerikanischen Kunsthistorikers Leo Steinberg reicht die Wirklichkeitstreue da Vincis nicht weit. Eine Tischgesellschaft, die sich nur an einer Seite des Tisches aufreiht? Steinberg führt eine Reihe von Details auf, die zeigen, dass die Bildwirkung für Leonardo wichtiger war als eine realistische Darstellung.

Boris Hohmeyer wirft sogar die Frage auf, welchen Moment Leonardo denn nun wirklich dargestellt habe. Oder sei hier etwa doch Ungleichzeitiges in einem Bild zusammengefasst? Dann wäre eine mittelalterliche Vermengung verschiedener Raum- und Zeitebenen in dem Renaissance Gemälde enthalten?

Zwar sei das epochale Gemälde ein einzigartiges Bild, das mit vielen Traditionen brach. „Doch weniger künstlich als seine Vorläufer ist dieses komplexe Werk beileibe nicht. Und es ist auch längst nicht so eindeutig verweltlicht, wie die meisten neueren Interpreten meinen“.

Da Vinci Code: Geheime Botschaften im Letzten Abendmahl?

Im Kinofilm „Der Da Vinci Code“ verbergen sich im Letzten Abendmahl Zeichen und Buchstaben. Und der Film behauptet es seien nur 11 Jünger auf dem Gemälde zu sehen. Neben Jesus sitze Maria Magdalena und nicht Johannes, wie die Kirche glauben machen will.

Mitten in der Nacht wird der renommierte Harvard-Professor Robert Langdon (TOM HANKS) in den Pariser Louvre gerufen: Der Museumsdirektor wurde ermordet. Seine Leiche, die in einer Körperhaltung wie der des Vitruvischen Mannes von Leonardo da Vinci aufgefunden wird, ist der erste grausige Hinweis in einer mysteriösen Kette aus Codes und Symbolen. Unter Einsatz seines Lebens entschlüsselt Langdon mit Hilfe der Polizei-Kryptografin Sophie Neveu (AUDREY TAUTOU) versteckte Botschaften in den Kunstwerken Leonardo da Vincis.

Mario Taddei, Leonardo Experte aus Mailand, hält diese These nach Jahre langem Studium aller Werke Leonardo da Vincis für nicht haltbar. Auch Buchstaben ließen sich beliebig in ein Gemälde interpretieren.

Das wirklich revolutionäre am Letzten Abendmahl, wie es da Vinci im Widerspruch zu all seinen Vorgängern darstellte, seien die fehlenden Heiligenscheine. Alle Maler vor ihm hatten Jesus und seinen Jüngern Heiligenscheine gemalt. „Für da Vinci sind es reale Personen. Auch Jesus wird so dargestellt, eine reale Person“, sagt Taddei.

Der Leonardo da Vinci Experte Mario Taddei aus Mailand widerlegt die Thesen des Kinofilms „Der Da Vinci Code“.

Führung zum Letzten Abendmahl

Wem der unmittelbare Eindruck des Letzten Abendmahls nicht ausreicht, nimmt am besten eine Führung.

 

Hier lassen sich Eintrittskarten und Audioguide vorab bestellen: vivaticket

Quellen:

  • art – Das Kunstmagazin (14.04.2016): „Leonardo bittet zu Tisch“ von Boris Hohmeyer
  • Giulia Bologna: „Die Werke Leonardo da Vincis in Mailand“, Herrsching 1989. Originalausgabe „Leonardo a Milano“.
  • BBC Bericht über Pinin Brambilla, die Leiterin der Restauration 1979-1999

Bildernachweis:

  • Wikimedia Commons: Última cena (Leonardo da Vinci [Public domain], via Wikimedia Commons)
Über Bernd Kulow

Der Autor dieser Webseite – Bernd Kulow – ist Journalist, Fotograf und Videofilmer, jetzt in Freiburg. Er hat für dpa, DIE ZEIT, stern, FR sowie für Hörfunk und Fernsehen gearbeitet.
„Mailand hat bereits sehr früh starke Faszination auf mich ausgeübt.
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